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Logopädie in Fernost erlebt

Prof. Dr. Stefanie Duchac schildert in unserem Interview ihre Kongress- und Forschungserlebnisse in Japan.

Die Inselnation Japan verfügt über eine lange, kulturelle Geschichte. Prof. Dr. Stefanie Duchac, Professorin für Logopädie, hat im Rahmen Ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit die japanische Kultur, den Umgang mit der Logopädie und das Wissenschaftsbild näher kennengelernt.

1.) Japan ist ein vielfältiges und kulturell reiches Land. Was hat Sie am meisten beeindruckt während Ihrer Zeit in Japan?  

Eben genau diese Vielfältigkeit mit allen Facetten hat mich sehr beeindruckt. Und die Ruhe. Egal ob im traditionsreichen Kyoto oder in der vollen U-Bahn bzw. den belebten Straßen der Millionenstadt Nagoya, überall herrscht trotz Geschäftigkeit eine beeindruckende Ruhe. Eine Ausnahme sind natürlich die Karaoke-Bars, wo es in separaten Räumen hinter verschlossener Türe schon mal etwas lauter und wilder zugehen kann. Ich habe die japanische Kultur als sehr traditionsreich mit vielen formellen Zeremonien und Verhaltensvorschriften kennengelernt, die jedoch nicht von uns internationalen Gästen eingefordert wurden, sondern wir diesbezüglich sehr viel Toleranz erfahren haben. Vor allem gefallen hat mir die Geselligkeit bei gemeinsamen Mahlzeiten mit den japanischen Gastgebern, die sich sehr über jedes gelernte japanische Wort gefreut haben. Die japanische Küche habe ich ebenfalls in der Zeit sehr schätzen gelernt. Besonders die traditionelle Teezeremonie hat mich sehr beeindruckt, da sie so viel mehr darstellt als den alleinigen Vorgang der Teezubereitung. Hier geht es viel um Meditation, um Respekt und Dankbarkeit gegenüber der Natur und den Mitmenschen.  

2.) Sie haben an Kongressen teilgenommen und sind somit auch in den Austausch mit japanischen Wissenschaftlern gekommen. Welchen Mehrwert hatte dieser Austausch für ihre wissenschaftliche Tätigkeit?  

Der Austausch mit den japanischen und auch den anderen internationalen Kollegen war sehr bereichernd für mich. Mein Thema auf den Kongressen war die Lücke zwischen dem Stand der Forschung und der klinischen Praxis im Bereich der Schluckstörungen (Dysphagien) zu schließen und zu klären, ob gegebenenfalls digitale Medien hierfür eine Brücke darstellen können. Diese Lücke wird in Japan und den anderen Ländern ebenfalls empfunden, scheint jedoch vor allem in Japan und auch den USA geringer zu sein als beispielsweise in Deutschland. Aus diesem Austausch hat sich die Idee eines internationalen Projektes ergeben, so dass sich in Zukunft meine wissenschaftliche Tätigkeit in diesem Bereich weiter ausweiten wird.      

3.) Konnten Sie Unterschiede zwischen der Handhabung von Wissenschaft in Japan und der in Deutschland feststellen? Falls ja, welche waren dies?  

Grundsätzlich ist die Logopädie / Sprachtherapie in Japan ganz anders im Wissenschaftssystem verankert als in Deutschland. Da beide Kongresse an denen ich teilnehmen konnte, den Schwerpunkt Dysphagie hatten, kann ich zumindest für diesen Bereich berichten, dass die Schluckstörungen in Japan einen hohen Stellenwert einnehmen. Es findet deutlich mehr klinische Forschung als in Deutschland statt und die Forschungsthemen sind sehr innovativ und natürlich auch sehr technikfokussiert. Die interprofessionelle Zusammenarbeit im Bereich Schluckstörungen zwischen Logopäden / Sprachtherapeuten, Rehabilitationsmedizinern, Zahnärzten (die in Japan sehr stark in die Forschung / Behandlung von Schluckstörungen eingebunden sind – in Deutschland dagegen kaum) aber auch Pflege und andere Therapieberufe habe ich als sehr intensiv und wertschätzend empfunden. Das hat sich auch bei der Tagung der japanischen Gesellschaft für Rehabilitation von Schluckstörungen gezeigt. Die Japanese Society of Dysphagia Rehabilitation (JSDR) ist eine große Gesellschaft. An der Jahrestagung haben über 7000 Wissenschaftler und Praktiker verschiedener Professionen teilgenommen.  

4.) Arbeiten LogopädInnen in Japan anders als ihre KollegInnen in Deutschland?  

Auch hier kann ich nur für den Bereich der Dysphagie berichten, also für den Bereich der Behandlung von Menschen mit Schluckstörungen. Wir hatte die Möglichkeit eines der größten Rehabilitationskrankenhäuser in Japan zu besichtigen, das Fujita Health Universitiy Hospital. Wir konnten dabei auch einige Logopädinnen bei der Arbeit beobachten. Natürlich ist die Arbeitsweise in diesem Setting grundsätzlich ähnlich. Allerdings habe ich den Eindruck, dass beispielsweise die Bildgebung in der Diagnostik von Schluckstörungen eine Selbstverständlichkeit hat, die ich mir in Deutschland für unsere Patienten auch wünschen würde. Auch das Thema „Anpassung von Nahrungskonsistenzen“ scheint einen hohen Stellenwert zu haben. So gibt es beispielsweise einen Getränkeautomaten, der bereits vorgefertigt angedickte Flüssigkeiten wie Kaffee, Tee oder Säfte ausgibt.  

5.) Wissenschaft bedeutet stets Austausch und Diskurs. Im Kontext der Internationalisierung ist dies nun umso bedeutender. In Anbetracht Ihrer Zeit in Japan: Welchen Stellenwert nimmt die Internationalisierung für die Logopädie ein?  

In Anbetracht der Weiterentwicklung des Faches und der innovativen Arbeiten verschiedener Internationaler Forschungsgruppen mit wirklich neuen Erkenntnissen zu Diagnostik und Therapie von Schluckstörungen ist eine Internationalisierung unumgänglich. Wir können so viel voneinander lernen und gegenseitig von Erkenntnissen profitieren. Gerade im Bereich Dysphagie aber sicher auch übertragbar auf das ganze Feld der Logopädie ist eine internationale Sichtweise zwingend erforderlich, damit auch unsere Patienten schnellstmöglich von neuen Erkenntnissen profitieren können und die Lücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Patientenversorgung eine Chance hat geringer zu werden. Wir gehen davon aus, dass diese Lücke bei der flächendeckenden Dysphagie-Versorgung derzeit ca. 20 Jahre beträgt. Da müssen wir für unsere Patienten besser werden. Um dies zu erreichen, erfordert es meiner Ansicht nach die Berücksichtigung internationaler Erkenntnisse in den Bereichen Wissenschaft, Praxis aber auch bereits in der Lehre.  

6.) Aus welchen Gründen würden Sie interessierten KollegInnen eine Reise, wie die Ihre, ans Herz legen?  

Die Arbeit mit Patienten aber auch in der Wissenschaft ist ein lebenslanger Lernprozess. Dabei ist es sehr bereichernd, immer wieder über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich untereinander auszutauschen - nicht nur um neues Wissen zu generieren, sondern auch das eigene Handeln zu reflektieren, Impulse aus diesem internationalen Austausch zu nutzen und auch Neues auszuprobieren. Dadurch, dass unser Fachbereich recht klein ist, wird man egal wo in Europa und der Welt immer wieder denselben Menschen begegnen. Das macht unglaublich viel Freude, so dass neben aller fachlichen Arbeit auch der kulturelle und kulinarische Genuss nicht zu kurz kommen. Daher empfehle ich unabhängig vom Zielland jedem eine Reise zu einem Kongress oder einen Forschungsaufenthalt im Ausland.

Wir danken Prof. Dr. Stefanie Duchac, dass Sie mit uns ihre Erlebnisse geteilt hat.

Unser Kontakt

Prof. Dr. Stefanie Duchac

Professorin

für Logopädie,
Studiengang Logopädie, B. Sc.
E-Mail: stefanie.duchac@srh.de
Campus Karlsruhe
Telefon +49 721 35453-47 E-Mail schreiben